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MI | 21.03 | 17:47
24. Juli 2004 Univ.-Prof. Dr. Erwin Ringel: Die Zeit, die uns bleibt

Am 28. Juli jährt sich zum zehnten Mal der Todestag von Erwin Ringel, dem scharfsinnigen Analytiker der österreichischen Seele. Aus diesem Anlass ist in dieser Focus-Sendung ein Vortrag zu hören, den Ringel als 70jähriger in Bludenz hielt: "Die Zeit, die uns bleibt." Dabei stellt man mit Staunen fest: Dieser Vortrag hat nicht nur nichts von seiner Aktualität gewonnen, er ist sogar noch aktueller und brisanter geworden.
Mit der Zeit, die uns bleibt, meint Ringel zweierlei: Die Zeit des Alters und die Zeit für den Aufbau einer besseren, d. h. vor allem einer solidarischen und gerechten Gesellschaft. Alte Menschen sind für Ringel vielfach Benachteiligte. Er fordert deshalb mehr Anerkennung und Wertschätzung für alte Menschen. Dem Einzelnen rät Ringel, sich frühzeitig mit dem Alter auseinanderzusetzen und im Alter nicht nur zu ruhen, sondern weiter zu lernen und zu arbeiten. Es gehe um das Gelingen der Altersadaptation, d. h. die biologische Lebenskurve auch psychologisch mitzumachen und nicht ewig jung bleiben zu wollen. Ringel gibt zu bedenken: "Dieses ewige Streben, die Jugend zu erhalten, ist oft ein Grund dafür, dass man früh stirbt." Im Hinblick auf seine eigene Gehbehinderung rät Ringel: "Man darf sich vom Körper nicht zu sehr abhängig machen."
Erwin Ringel hatte nicht nur den Einzelnen, sondern stets auch das Ganze vor Augen. Seine Diagnose: "Wir leben in einer schlimmen Welt, die beherrscht ist von Geldgier, Neid, Missgunst ... Wir zerstören die Natur ... Wir produzieren einen 70fachen Overkill mit Atomwaffen.“ Deshalb geht es auch darum, die Zeit, die uns bleibt, zu nützen, um gegen die gesellschaftliche Destruktivität zu kämpfen. Zur österreichischen Spielform der Destruktivität gehört für Ringel der blinde Gehorsam, die "Radfahrermentalität", bei der man genau weiß, "vor wem man buckeln muss und wen man treten kann." Mit scharfen Worten kritisiert Ringel "die niederträchtige Weise", mit der gegen Ausländer gehetzt wird. Er fordert auf zur Bildung eines personalen Gewissens und meint: "Liebe ist die einzige Chance, die guten Kräfte wachsen zu lassen."