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MI | 21.03 | 17:47
28. Juli 2007 Univ.-Prof. Dr. Remo Largo: Kinder sind verschieden! Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung

20 Jahre Beobachtung
Wie extrem unterschiedlich "normale" Kinder sind und wie sehr die Individualität des Kindes von Eltern und Lehrern missachtet wird, das erklärt in dieser Sendung der renommierte Schweizer Kinderarzt Prof. Dr. Remo Largo. Er hat 20 Jahre lang und mehr gesunde Kinder bei ihrer Entwicklung beobachtet.
Entwicklung ist unterschiedlich
Ob es sich um die Schlafdauer, die ersten Schritte, die ersten Worte, um die Sauberkeit von Kleinkindern, um motorische Fertigkeiten usw. handelt: In allen Bereichen gibt es Unterschiede von 100 % und mehr. Das heißt: Es gibt Kleinkinder, die brauchen nur acht Stunden Schlaf, andere 16. Es gibt Kinder, die bereits mit 8 Monaten gehen, andere erst mit 22 Monaten. Die einen Kinder beginnen mit zehn Monaten zu sprechen, andere mit 30 Monaten.
Die Langsamen überfordert
Wenn Kinder miteinander oder mit einer Durchschnittsnorm verglichen werden, dann werden die Langsamen überfordert, die Schnellen unterfordert. Denn jedes Kind will und muss Lernerfahrungen entsprechend seinem individuellen Entwicklungsstand machen. Prof. Largo resumiert: "Kinder sind unglaublich verschieden. In allen Bereichen gibt es eine unglaubliche Variabilität, die können Sie durch nichts beeinflussen."
Problem vor allem in der Schule
Die Individualität des Kindes wird vor allem in der Schule zum Problem. Dort sind Kinder nach Jahrgängen zusammengefasst. Sie sind zwar gleich alt, aber auf sehr unterschiedlichen Entwicklungsniveaus. Eine Folge: In Zürich bekommen 60 % -mehr als die Hälfte! – der Grundschul-Kinder eine Therapie, obwohl sie gesund sind. Es fehlt ihnen nichts, nur Eltern und Lehrer wollen sie anders haben.
Buben sind benachteiligt
Wenn man zwanzig 13-jährige Mädchen in einer Klasse anschaut, dann hat der Großteil von ihnen ein Entwicklungsniveau von 12- bis 14-jährigen, aber es gibt auch einige, die sind wie 10-jährige, andere wie 15-jährige. In gemischten Klassen sind die Unterschiede noch krasser, weil Buben immer unreifer sind. In ein- und derselben Schulklasse kann der Entwicklungsstand dann zwischen 9 und 16 Jahren variieren. Prof. Remo Largo ist überzeugt, dass das Schulsystem Buben benachteiligt. Seine Warnung: "Eine Schule, in der ein Kind nur Misserfolgserlebnisse hat, ist eine Katastrophe."
Zur Person
Dr. med. Remo H. Largo, geboren 1943 in Winterthur, ist Professor für Kinderheilkunde. Er leitete 30 Jahre lang die Abteilung für Wachstum und Entwicklung des Kinderspitals Zürich. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und Vater dreier Töchter.
Bücher von Remo Largo
"Babyjahre – Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht"
"Kinderjahre – Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung"