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MI | 11.04.2012
Dissertation Gassmann (Bild: ORF)
Montafon
Illwerke in der NS-Zeit - Kritik an Dissertation
Eine Dissertation des Historikers Jens Gassmann über die Illwerke in der NS-Zeit sorgt für Diskussionen. Andere Historiker werfen Gassmann verharmlosende Wortwahl und schwere wissenschaftliche Mängel vor.
"Hungernde Zwangsarbeiter"
Im Montafon gibt es nach wie vor Geschichten über hungernde Zwangsarbeiter, eingemauerte Tote in der Staumauer und die Bereicherung der Illwerke im Dritten Reich. Der Liechtensteiner Jens Gassmann wurde von den Illwerken mit der Aufgabe betraut, die Archive zu durchsuchen und das Thema Illwerke und Nationalsozialismus in einer Dissertation aufzuarbeiten.
Jens Gassmann (Bild: ORF)
Jens Gassmann
"Keine Zwangsarbeiter direkt beschäftigt"
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden in Vorarlberg 10.000 Zwangsarbeiter beschäftigt. Es ist unbestritten, dass viele davon auf den Großbaustellen der Illwerke gearbeitet haben.

Allerdings kommt Gassmann in seiner Dissertation zu dem Ergebnis, dass die Illwerke nicht direkt Zwangsarbeiter beschäftigt haben, es also nie ein unmittelbares Arbeitsverhältnis zwischen den Illwerken und den Zwangsarbeitern auf den Baustellen des Unternehmens gegeben hat. Vielmehr hätten die Zwangsarbeiter für andere Firmen auf den Illwerke-Baustellen gearbeitet.

Sogenannte Ostarbeiter seien - soweit in den Archiven nachweisbar - nicht schlechter behandelt worden als reichsdeutsche Arbeiter, so Gassmann. Auch wenn das Essen nicht gerade vitaminreich gewesen sei, es habe genug zu essen gegeben und jeder sei versichert gewesen.
"Verharmlosende Wortwahl"
Der Vorarlberger Historiker Werner Bundschuh kritisiert Gassmanns Wortwahl. Diese sei seiner Meinung nach verharmlosend und entspreche nicht dem Thema.
"Schwere wissenschaftliche Mängel"
Professor Wolfgang Meixner vom Institut für Geschichte an der Universität Innsbruck schreibt derzeit an einer Rezension zu Gassmanns Dissertation. Er sieht zwar keine absichtliche Geschichtsfälschung, die Arbeit weise aber schwere wissenschaftliche Mängel auf.

Er sei sich sicher, dass diese Dissertation seinen Schreibtisch niemals mit positiver Bewertung passiert hätte, so der Geschichtsprofessor. Er bezeichnet das Werk als "Zitaten-Streusel" und oberflächlich gehaltene "Quellen-Aneinanderreihung ohne erkennbare wissenschaftliche Fragestellung". Die Fakten seien nicht hinterleuchtet worden, man erfahre nichts über den tatsächlich vorhandenen Quellenbestand im Archiv der Illwerke.

Dem Historiker "Schönfärberei" zu unterstellen, würde nach Ansicht von Meixner allerdings zu weit gehen. Vielmehr sei Gassmann an der Aufgabe gescheitert, üppiges Archivmaterial sensibel und wissenschaftlich fundiert in einen zeitgemäßen Kontext zu stellen.
Dissertation zunächst gesperrt
An Gassmanns Dissertation hatte es bereits zuvor Kritik gegeben, denn der Historiker hat sein Forschungsergebnis, was unüblich ist, für die Öffentlichkeit sperren lassen.

Die Arbeit war weder in der Österreichischen Nationalbibliothek noch der Vorarlberger Landesbibliothek oder der Universitätsbibliothek Wien einzusehen. Der Historiker argumentierte mit eigenen wirtschaftlichen Interessen.

Nachdem der ORF darüber berichtet hatte, wurde ein Exemplar der Arbeit ins Landesarchiv gebracht, wo es vor Ort eingesehen werden kann. In anderen Bibliotheken wird es bis 2010 nicht vorliegen.
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