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MI | 21.03 | 17:47
FOCUS-SENDUNG VOM 13. JÄNNER 2011 "Achtsamkeit...wenn der Rand zur Mitte wird"
Die Caritasgespräche 2010 sehen ein Leitmotiv in dem Satz von Paul M. Zulehner: "Wir brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch eines über unserer Seele".
Menschen auf Augenhöhe begegnen
"Ausgegrenzt sein meint nicht dazugehören, fremd sein, als Fremder, Unbehauster und Heimatloser in der Welt zu sein“, meint Caritas-Direktor Peter Klinger und setzt selbstkritisch hinzu, dass die soziale Arbeit mitunter kritisch hinterfragt werden müssen, trage sie doch nicht selten zu Ausgrenzungsprozessen bei und verschärfe diese sogar. Es gilt dabei, Antworten zu finden, was wir persönlich und als Gesellschaft dafür tun können, um alle Menschen auf gleiche Augenhöhe zu bringen, meinte Caritasdirektor Peter Klinger.

Es brauche ein neues Verständnis des Wesentlichen, um den Rand in die Mitte zu rücken: die Politik fürchte sich nur vor den Reichen, Angst haben sollte sie aber vor den Armen und davor, wenn sie keine Zukunft hätten, so Caritas-Präsident Franz Küberl.
Menschen füreinander verantwortlich
"Als Caritas sind wir nicht nur verpflichtet, Menschen zur Seite zu stehen, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt, sondern auch den Rest der Bevölkerung für diese Themen zu sensibilisieren", betonte Präsident Küberl.

"Als Menschen, die miteinander leben, sind wir auch für einander verantwortlich.Am deutlichsten werde am Anfang und am Ende eines Lebens klar, dass kein Menschen alleine sein kann. Ein Generaldrama in Österreich ist es, dass immer alle Opfer sein wollen...Und wenn sie bei Ausführungen des Managementclubs zuhören...hat man auch so den Opfergeruch: dass sie zu wenig verdienen, dass das was sie tun, zu wenig anerkannt wird.
Objektive Armut sinkt- subjektive steigt
Mit den verschiedenen Aspekten des Einflusses der Politik auf Achtsamkeit und Ausgrenzung beschäftigte sich der Politologe Anton Pelinka in seinem Vortrag: "Armut geht objektiv gesehen weltweit zurück. Subjektiv fühlen sich jedoch immer mehr Menschen von Armut bedroht."

Während sich Länder wie China oder Indien weltweit immer stärker positionieren, sind nach Meinung von Prof. Pelinka ärmere Menschen immer stärker in wohlhabenderen Ländern zu finden: wie etwa Nordamerika oder Europa: hier sind die Verlierer der Globalisierung anzutreffen. Für Pelinka könne die Politik nur durch Strafe oder Belohnung bei Wahlen dazu gebracht werden, sich der Anliegen der Armen anzunehmen.
Das erschöpfte Selbst
Univ.Prof.Dr. Jutta Menschik-Bendele ( von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt) nimmt das vielbeachtete Buch "Das erschöpfte Selbst" des französischen Soziologen Alain Ehrenberg zum Anlass, sich darüber zu beklagen, dass individuelles Unbehagen zu einer allgemeinen Denkfigur wird.

Das erschöpfte Selbst in unserer Gesellschaft beschreibe etwas, das in unserer gesellschaft beobachtbar sei, dass immer mehr Menschen erschöpft seien, was wir burn-out-Syndrom nennen.
Chancen und Risiken einer Welt in Bewegung
Güter, Dienstleistungen, Kapital, Menschen und Effekte bringen unsere Welt in Bewegung, eröffnet Prof.Dr.Rainer Münz (Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut) seinen Vortrag. Bei der Mobilität von Menschen täusche man sich, wenn man von Völkerwanderung spreche.

Es seien "214 Millionen Menschen, das sind nicht ganz 3 Prozent der Weltbevölkerung, die heute außerhalb ihres Geburtslandes leben". Solange wir hinausgehen, finden wir das toll, wenn die Welt zu uns kommt, finden wir das weniger gut, beschreibt Professor Münz diese Asymmetrie. Frank Stronach, Arnold Schwarzenegger und Bischof Erwin Kräutler sind hochgeschätzte Vorzeigemodelle für erfolgreiche Auswanderer; wollte ein Kaiapò-Indinaer bei uns Bischof oder ein braungebrannter Kosovo-Albaner, Landeshauptmann werden, würde es für diesen sehr schwierig.

Diese Referate wurden im Rahmen der Caritasgespräche 2010 im Bildungshaus
St. Arbogast/Götzis/Vorarlberg gehalten.
Literaturhinweise:
Franz Küberl/Barbara Tóth: Mein armes Österreich. Und wie es reicher sein könnte."Ueberreuter Verlag, 2010

Jutta Menschik-Bendele, Klaus M.Ratheiser,Ewald E.Krainz und Michael Burger: Burnout-Prävention im Gesundheitswesen.
Springer Verlag 2010.

Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart.
Campus Verlag Frankfurt a/M. 2004

Rainer Münz, Albert F. Reiterer und Klaus Wiegandt: Wie schnell wächst die Zahl der Menschen? Weltbevölkerung und weltweite Migration.
Fischer Verlag

Anton Pelinka und Ilse König (Hrg.): Feindbild Zuwanderer? Vorurteile und deren Überwindung Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung 2009.
"Focus", 13.1.11