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MI | 21.03 | 17:47
FOCUS-SENDUNG VOM 3. MÄRZ 2011 Marcus Schneider: "Rudolf Steiner - ein Vordenker"
Aus Anlass des 150. Geburtstags des bedeutenden österreichischen Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) referierte der Schweizer Steiner-Experte Marcus Schneider vor Mitgliedern des Hans Christian Andersen Zweigs in Winterthur zum Thema "Ruldolf Steiner - ein Vordenker".
Begründer der Waldorfschulen
Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfschulen, der anthroposophischen Geisteswissenschaft und Pionier der biologisch-dynamischen Landwirtschaft war einer der einflussreichsten Reformer des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen und Innovationen inspirieren Menschen weltweit und prägen in vielfaltigen Formen unser Kultur- und Alltagsleben.
Man aus einfachen Verhältnissen
Rudolf Joseph Lorenz Steiner entstammte einfachen Verhältnissen.

Bereits im Grundschulalter begann der junge Steiner, sich neben dem wenig fordernden Unterricht an einer Dorfschule mit Hilfe von Lehrbüchern selbst Wissen anzueignen.

Dank eines Stipendiums konnte Steiner von 1879 bis 1883 an der Technischen Hochschule Wien Mathematik und Naturwissenschaften studieren. Daneben besuchte er aber auch Lehrveranstaltungen in Philosophie, Literatur und Geschichte an der Universität Wien, wo er ohne Matura allerdings nur einen Gaststatus hatte.

Dieses Studium musste Steiner 1883 aus finanziellen Gründen ohne Abschlussexamen abbrechen. Erst 1891 wurde er an der Universität Rostock mit einer Arbeit über Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (später erweitert als Buch unter dem Titel Wahrheit und Wissenschaft erschienen) zum Doktor der Philosophie promoviert.
"Steiner-Ideen-Kosmos"
Marcus Schneider zeigt die Aktualität des "Steiner'schen-Ideen-Kosmos" auf und gibt einen Einblick in den gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Diskurs. Bedeutende Künstler von Wassily Kandinsky bis zu Joseph Beuys haben sich immer wieder mit der universellen Ideenwelt von Rudolf Steiner beschäftigt. Franz Kafka und Christian Morgenstern standen mit ihm in Kontakt.

Für ihn als Pädagogen sei es, so Marcus Schneider, eines vom wertvollsten am Erbe Rudolf Steiners, welchen Stellenwert er der Sprache beigemessen und wie er sie aufgefasst habe. Steiner vergleiche die Sprache mit einem Organismus, und sie dürfe keineswegs nur als Träger von Information missbraucht werden. Das Erleben von Sprache sei bei Rudolf Steiner das Erleben der Seele und des inneren Ich. Steiner schrieb auch Mysterienspiele, wo er seine Betrachtungen zur Sprache hat einfließen lassen können.
Des Menschseins bewusst werden
Auf die Frage, wie er Anthroposophie verstehe, habe Steiner gemeint, sie mehr als nur die Weisheit vom Menschen. Es sei vielmehr, sich des Menschseins bewusst zu werden. Das geschehe durch eine Willensumwandlung ("höre auf, ein Routinier zu sein" ), durch Erkenntniserfahrung ("höre auf, ein Nachbeter zu sein") und indem der Seele eine Bewusstseinsrichtung gegeben werde, indem man mit und in seiner Zeit lebe und die Anthroposophie nicht zur Fluchtburg (aus der Zeit heraus) mache.

Steiner habe auch vor einer Materialisierung der Kultur gewarnt, die sich auf eine Verschlechterung der Nahrungsmittel auswirke. Der Boden solle so gedüngt werden, dass er im Zusammenspiel der natürlichen Kräfte gesunde und nicht dass man ihn mit Stickstoffen auflädt. Damit wurde Rudolf Steiner zum Vordenker für den biologisch-dynamischen Landbau, so Marcus Schneider.

Es soll damit aufgezeigt werden, wie vielfältig Steiners Ideen heute bereits in der Welt leben, wo angewandte Anthroposophie ihre Potenziale bereits in der Praxis entfalten konnte und welche Lösungsansätze für brennende Zeitfragen sich heute aus Steiners spirituell-humanistischem Ansatz schöpfen lassen.
Literatur
Autobiographisches
Rudolf Steiner, Mein Lebensgang, Rudolf Steiner Verlag Dornach,
9. Aufl. 2000
und Rudolf Steiner, Selbstzeugnisse. Autobiographische Dokumente,
Rudolf Steiner Verlag Dornach 2007

Erika Beltle (Hg.), Erinnerungen an Rudolf Steiner, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2001

Musik
Variationen für Klavier
Ludwig van Beethoven
Florian Uhlig

"Focus", 3.3.11