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MI | 21.03 | 17:47
FOCUS-SENDUNG VOM 5. MAI 2011 Prof.Dr.Verena Kast: "Trotz allem: Liebe"
Verena Kast erklärt: "Warum "trotz allem"? Ist Liebe nicht eine "Himmelsmacht"!? Doch Liebe ist zwiespältig, durchzogen von vielen Spannungen, ersehnt und gefährdet.
Verena Kast (Bild: Kreuzverlag)
Erwartungen von Glück
Wer sich auf Liebe einlässt, lässt sich auf viele Risiken ein. Und dennoch: wir lassen uns auf sie ein. Sie geht von dem zunächst wenig ambivalent erlebten Verliebtsein aus, von dem Erfasstsein von gehobenen Gefühlen, verbunden mit der Erfahrung, mit diesem Menschen endlich "ganz" sein zu können, über alte Verkrustungen hinwegzukommen, so zu werden, wie man sein kann - und das wechselseitig. Das Erleben von Identität und Selbsttranszendenz scheint möglich zu werden. In dieser Situation ist die Zeit aufgehoben: ewig soll es so bleiben.

Und dennoch wissen wir, dass wir uns alle verändern, wie auch die Welt um uns herum, so dass sich auch andere Phantasien einstellen, gegen die wir als Liebende nicht immer immun sind. Nach der Faszination des Anfangs kommt oft die Ernüchterung des Alltags. Dennoch: auf die Liebe projizieren wir immer wieder neu Erwartungen von Glück, von Sinnerfahrung, von Erlösung aus der existentiellen Einsamkeit, bis ins hohe Alter. Wenn hohe Erwartungen vorhanden sind, dann sind auch die Enttäuschungen nicht weit: Anlässe dazu liegen im Wesen der Liebe selbst, nicht nur in den Liebenden. Wenn wir lieben, wollen wir Nähe, Zuwendung, Geborgenheit - einen Schutz gegen die Welt, die wir nicht immer verstehen, die uns ängstigt.

Sobald wir aber viel Nähe zulassen, fürchten wir uns vor der Abhängigkeit, fürchten um unsere Freiheit, fürchten aber auch jede Form von Verlust, im Sinne von Kritik, von Ablehnung, von Trennung, von Tod. Wird aus Liebe die Suche nach Geborgenheit, dann ist die Leidenschaft gefährdet: Leidenschaft braucht Distanz, braucht Fremdheit, einen Spannungsbogen. Sind wir gewohnt, Widersprüche in der Liebe auszuhalten? Wenn wir uns in dieser Woche wieder einmal mit der Liebe und den Paarbeziehungen auch vom therapeutischen Gesichtspunkt aus beschäftigen, uns mit gewachsenen und neuen paartherapeutischen Konzepten befassen wollen, sind immer auch diese alten Widersprüche in der gelebten Partnerschaft zu reflektieren."
Verena Kast
Prof. Dr. Verena Kast ist Psychologin und Psychotherapeutin in Zürich. Sie ist Professorin an der Universität Zürich, Lehranalytikerin des C.G. Jung Instituts und u.a. auch Mitglied der wissenschaftlichen Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen.
Professor Dr.Verena Kast ist Autorin mehrer Bücher in den Bereichen Beziehung, Trennung, Emotionen sowie der Symbolik.

Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim
"Das ganz normale Chaos der Liebe".

Niklas Luhmann. "Liebe als Passion".
Beide Bücher sind im Suhrkamp Verlag erschienen.
"Focus", 5.5.11