Wien ORF.at Focus
TV-ProgrammTV-ThekRadioÖsterreichWetterSportIPTVNews
MI | 21.03 | 17:47
FOCUS-SENDUNG VOM 26. MAI 2011 Peter Widmer: "Der Eigenname und seine Buchstaben"
Mit dem Eigennamen sind der Vor- und der Familienname gemeint.
Zentrum der Aufmerksamkeit
"Stellen sie sich vor, die Mutter ruft ihr Kind bei seinem Namen, aber das Kind weiß ja noch gar nicht, dass es mit diesem Namen gemeint ist: d.h. auf eine Art ist der Rufname des Kindes früher da, als das ICH des Kindes", damit eröffnet der Zürcher Psychotherapeut und Psychoanalytiker Dr. Peter Widmer den Blickwinkel auf die Bipolarität und die Bedeutung des Namens. Der Rufname macht überhaupt erst möglich, dass es so ein Zentrum der Aufmerksamkeit gibt.
Der Eigenname als Vermittler
Peter Widmer unternimmt den Versuch, ein besonders in der Psychoanalyse vernachlässigtes Phänomen neu zu bedenken. Er fragt »Inwiefern ist der Eigenname als Agens, als Katalysator, als Vermittler an der Konstitution der Realität eines Subjekts beteiligt?« Angesprochen darauf, warum er sich mit der Frage des Eigennamens beschäftigte und dazu ein Buch geschrieben hat, meint Peter Widmer der Name habe in der Psychoanalyse eine wichtige Funktion, er sei aber bisher zu wenig berücksichtigt worden.

Es komme nicht selten in psychotherapeutischen Behandlungen zu sogenannten Übertragungen, ausgelöst durch den Namen des Klienten bzw. des Therapeuten: gleichzeitig komme dem Namen auch eine kristallisierende Bedeutung zu. "Es kann sein, dass der Name überhöht wird, dass Spott mit ihm getrieben wird und dadurch eine Abwertung erfolgt", beruft sich Widmer auf seine psychoanalytische Erfahrung.
Zwischen Tradition und Exotisierung
Bei den Vornamen sei heutzutage die genealogische Namensgebung nicht mehr so gefragt. Gefragter sei die Singularität; d.h. der einzelne, sich von den anderen abhebende Name, das sei im Trend, sagt Peter Widmer.
Früher wurde der Älteste in der Familie auf denselben Namen getauft, auf den schon der Vater getauft war. Dies war ein Muss.

Die Enttraditionalisierung führte bei den Vornamen zu einer Exotisierung. Die Vornamen sind exotisch geworden. Man wählt Namen aus anderen Kulturen und verfolgt dabei das Ideal, dass möglichst niemand anderer so heißt, wie das eigene Kind heißen soll. Damit sei, so Widmer auch eine gewisse Oerientierungs-losigkeit eingekehrt.
Prozess der Ich-Entwicklung
Das Traditonelle hatte vor allem im Familiennamen seinen Platz. Heute ist auch die Tradierung der Familiennamen fraglich geworden, weil es die Frage gibt, soll man den Namen der Mutter oder jenen des Vaters wählen. "Wenn ein Kind auf die Welt kommt, dann ist für es die Mama irgendwie die ganze Welt", sagt Widmer.

"Diese " Kinderwelt" reduiert sich auf die Mutter-Brust. Bis zur Erkenntnis des Kindes, dass das eine von vielen Mamas ist, ist es ein weiter Weg. Das Kind muss wie Etappen durchlaufen und erkennen, dass das, was es zuerst gemeint hat so nicht zutrifft. Das reicht bis zur Erkenntnis, andere Kinder haben auch eine Mama und diese Mama ist nicht dieselbe wie die meine. Es gibt das frühkindliche Missverständnis, dass die Mama, die Mutter aller Kinder ist. Der Vater ist anfänglich der Erzeuger der Welt, bis man auch diese Kenntnis relativieren muss, dass er mein, aber nicht der Erzeuger aller Kinder ist" damit umreißt Peter Widmer den Prozess der Ich-Entwicklung des Kindes.
Literaturhinweise:
Peter Widmer: "Der Eigenname und seine Buchstaben. Psychoanalytische und andere Untersuchungen"
transcript Verlag, Bielefeld 2010

Zur Person:
Peter Widmer ist Psychoanalytiker in freier Praxis in Zürich. Als Lehrbeauftragter und Gastprofessor ist er an verschiedenen Universitäten (Kyoto, New York, Innsbruck, Zürich) tätig.
"Focus", 26.5.11