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MI | 21.03 | 17:47
FOCUS-SENDUNG VOM 16. JUNI 2011 Bischof Erwin Kräutler: "Farbe bekennen, heißt das Leben riskieren"

Erwin Kraeutler (Bild: N. Doerler)
Wasserkraftwerk Belo Monte
Vor vier Wochen seien in Brasilien vier Personen hinterrücks erschossen worden, weil sie sich für die Erhaltung des Regenwaldes und die Natur Amazoniens eingesetzt haben.

Die Vergabe der Baulizenz für das weltweit drittgrößte Wasserkraftwerk Belo Monte durch die brasilianische Regierung am 1. Juni 2011 ist eine enorme Bedrohung für die Menschen, entlang des Xingu - eines Nebenflusses des Amazonas. Mehr als 30 Jahre lang erhebt Bischof Erwin Kräutler gemeinsam mit den indigenen Völkern, Ökologen und Projektgegnern die Stimme gegen Belo Monte.

Er sei absolut nicht gegen die Wasserkraft, das sei ihm unterstellt worden, aber die Art und Weise, wie hier vorgegangen worden sei, das sei gegen die Menschenrechte, das sei ein irreparabler Schaden für die Ökologie, es sei auch ein Affront für die Familien, die seit urvordenklichen Zeiten entlang des Xingu leben und hier ihre Lebensgrundlagen finden.
Sorge um die Zukunft der Menschen
Die vorgesehenen Erdbewegungen seien in der Größenordnung des Panamakanals. Der geplante Staudamm habe eine Länge von 1620 m und eine Höhe von 93 m. Der Staudamm bringe einen Stausee und das sei ein toter, ein fauler See, weil er tropischen Regenwald überflute.

Ein Drittel der Stadt Altamira, Bischofssitz mit 105 000 Einwohnern, die einzige Stadt am linksseitigen Ufer des Xingu, werde überflutet. Mindestens 30.000 Menschen sind von diesem Projekt betroffen, sagt Bischof Erwin Kräutler. Die während der Planungsphase proklamierte Anhörung der Bevölkerung sei zur Farce geworden. Man habe den Leuten nur Vorteile versprochen, die Folge sei letztendlich die Zwangsumsiedlung von Menschen, spart Bischof Erwin nicht mit heftigen Vorwürfen gegenüber der brasilianischen Regierung.

Er - Kräutler- sei sehr besorgt über die Zukunft der Menschen am Xingu, wenn das Wasserkraftwerk tatsächlich gebaut wird.
"Respekt vor allen Menschen"
Option für die Armen lautet seine Leitlinie: "Für mich sind Glauben und Leben nicht zwei Paar Schuhe. Ich glaube, dass unser Glaube für die Menschenrechte ist, für den Respekt vor allen Menschen", umschreibt Bischof Erwin seine programmatische Leitlinie.

Einen großen Erfolg bezeichnet Bischof Erwin die 1987 erfolgte Aufnahme der Grundrechte der indigenen Völker in die brasilianische Verfassung. Bis dahin waren die Indios Unmündigen bzw. Menschen mit Behinderung gleichgestellt.
Zur Person
Bischof Erwin Kräutler
auch Dom Erwin, (* 12. Juli 1939 in Koblach Vorarlberg) ist römisch-katholischer Ordensgeistlicher und seit 1980 Bischof und Prälat von Xingu , der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens .Im Jahre 2010 wurde er für seinen Einsatz für die Menschenrechte der Indios und die Erhaltung des tropischen Regenwaldes im Amazonas-Gebiet mit dem alternativen Nobelpreis Livelihood Award ausgezeichnet.

Im Jahre 1983 wurde Kräutler wegen Teilnahme an einer Solidaritätsaktion mit Zuckerrohrpflanzern von der Militärpolizei festgenommen und verprügelt. Am 16. Oktober 1987 überlebte Kräutler einen Mordanschlag schwer verletzt, als ein Kleinlastwagen frontal in seinen PKW fuhr. Sein Mitfahrer wurde bei dem inszenierten Autounfall getötet. Die Täter und der Auftraggeber des Mordanschlages wurden verurteilt, der Auftraggeber jedoch nach einem zweiten Verfahren freigelassen. 1995 wurde Kräutlers Ordensbruder und Mitarbeiter Hubert Mattle am Bischofssitz Altamira ermordet.Nach der Ermordung der Umweltaktivistin und Ordensschwester Dorothy Stang im Jahr 2005 wurde Erwin Kräutler wiederholt mit dem Tod bedroht, da er auch Hintermänner vor Gericht bringen wollte.

Weitere Gründe für Morddrohungen sind sein Widerstand gegen das Staudammprojekt Belo Monte und seine Anzeigen gegen einflussreiche Personen in Altamira wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Kinderprostitution. Er wurde wiederholt mit Morddrohungen wegen seines Kampfes für den Umweltschutz konfrontiert.
Literatur
Erwin Kräutler. Rot wie Blut die Blumen. Ein Bischof zwischen Tod und Leben. Müller Verlag Salzburg / Wien 2009.

Dom Erwin von Verena Daum und Miro Kuzmanovic Bucher Verlag Hohenems 2006.
"Focus", 16.6.11