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MI | 21.03 | 17:47
FOCUS-SENDUNG VOM 30. JUNI 2011 Prof. Dr. Joachim Bauer: "Schmerzgrenze"

Joachim Bauer (Bild: hochgrat-klinik.de)
Theorie vom Aggressionstrieb
Die Schmerzgrenze verläuft anders als wir bisher dachten. Es sei eine gewisse Mystifizierung der Aggression eingekehrt und diese müsse beendet weren, so Bauer. "Die Theorie vom Aggressionstrieb wurde 1920 von Sigmund Freud formuliert, unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges, und besagt, dass es ein Spontanbedürfnis des Menschen gebe, ab und zu destruktiv zu sein, anderen zu schaden, andere zu töten."

Charles Darwin sprach in der Mitte des 19. Jahrhunderts nie vom Aggressionstrieb. Darwin nannte die stärksten Triebe des Menschen dessen "soziale Instinkte", also das Bedürfnis nach sozialer Gemeinschaft. Nach Freud hat Konrad Lorenz die Thesen Freuds radikalisiert, indem er so weit ging zu sagen, dass "die Aggression der primäre Instinkt und Trieb des Menschen sei und dass Bindung zwischen zwei Menschen nur dadurch zustandekomme, dass diese beiden Menschen ihre Aggression gegen etwas Drittes gemeinsam richten", umschreibt Prof. Bauer die Theorie vom Aggressionstrieb.
"Der Wohlfühlcocktail"
Zur Frage der Aggression sagt Professor Bauer: "Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, woher rührt Aggression, wenn nicht der Aggressionstrieb deren Quelle ist?" Ein in der Mitte des Gehirn angesiedeltes System ist ein Bündel von Nervenzellen, das die Experten "Motivationssystem" nennen. Hier werden Wohlfühl-Botenstoffe hergestellt , die uns Lust am Leben machen, die uns Kraft geben und die uns Lust machen in Gemeinschaft zu sein, anderen zu vertrauen. Diesen Wohlfühlcocktail möchten wir gerne haben. Wir streben dahin, uns wohlzufühlen.

Die Erkenntnis der Neurobiologie besagt, dass es für uns nicht lohnend ist, jemandem weh zu tun. Hätten wir nach dem M;otivtaionssystem Lust anderen weh zu tun, hätten wir einen Aggressionstrieb: den haben wir nicht, merkt Prof. Bauer an.
Der Mensch ist nicht gut
Unsere Tendenz geht dahin, dass wir soziale Akzeptanz benötigen. Wir sind so konstruiert, dass es uns besser geht und wir gesünder sind, wenn wir in einer Gemeinschaft aufgehoben sind und gesunde Bindungen haben.
Was löst Aggression aus?
Die Zufügung von Schmerz ist der wichtigste Auslöser für Aggression. Wenn uns Schmerz zugefügt wird, dann müssen wir aggressiv sein können, damit wir überleben können. Aggression steht im Dienste des Überlebens. Aggression ähnelt der Angst- sie bedient ganz ähnliche neurobiologische Systeme . Die Angst dient uns als Programm, Gefahr wahrzunehmen und uns in Gefahr richtig zu verhalten.

Unsere Schmerzsysteme reagieren nicht nur dann, wenn körperlicher Schmerz zugefügt wird
Das Kind braucht erwachsene Bezugspersonen, die das Kind spüren lassen: ich bin an dir interessiert. Auch erwachsene Menschen brauchen eine gute soziale Einbettung und ein gutes soziales Miteinander. Immer dann, wenn diese Grundbedürfnisse des Menschen nach Bindung und sozialem Zusammenhalt, nach Zugehörigkeit gefährdet sind, dann kommt die Aggression als Notfallprogramm.
Das erklärt die Jugendgewalt in westeuropäischen Ländern, weil Kindern Bindungen brauchen; Kindern und Jugendlichen fehlen Menschen, die sie mögen.
Aggressionsflüsterer
Wir brauchen Menschen, die versuchen zu verstehen, warum viele Menschen in unserem Umfeld so gereizt und aggressiv sind; die „Flüsterer“ versuchen auf solche Menschen zuzugehen um herauszufinden, wie wir ihnen helfen können.
Aggressionspirale
Professor Bauer setzt darauf, dass wir ob der weltweit immer knapper werdenden Ressourcen darauf achten müssen, dass wir nicht in eine Aggressionsspirale hineingeraten. Bauer hofft, dass wir uns als Art nicht selbst zerstören, sondern dass es gelingt, die entwickelten Kulturkräfte wie Vernunft, Verstand, Fairness und Gerechtigkeit zum Einsatz zu bringen.

Bauer will dazu verhelfen, Aggression in ihrer eigentlichen Funktion einzusetzen: nämlich zur Regulierung sozialer Prozesse eingesetzt wird, damit ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Fairness herrscht.
Zur Persin
Professor Dr. Joachim Bauer ist Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut . Er ist Professor an der Universitätsklinik Freiburg im Breisgau und leitet das Institut für psychosomatische Medizin.

Literatur:

2011: Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Blessing, München.
2002: Das Gedächtnis des Körpers - Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. Eichborn, Frankfurt.
2005: Warum ich fühle was du fühlst - Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hoffmann und Campe, Hamburg,
2006: Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren. Hoffmann und Campe, Hamburg,
2007: Lob der Schule - Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hoffmann und Campe, Hamburg
2008: Das kooperative Gen - Abschied vom Darwinismus. Hoffmann und Campe, Hamburg,
"Focus", 30.6.11