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MI | 21.03 | 17:43
FOCUS-Sendung vom 17. September 2011 Dr. Roland Wölfle: "Tattoos - der Körper als Leinwand"

Roland Wölfle (Bild: Privat)
Roland Wölfle
"Einmal für immer"- body-modification"(engl.)- Körper-Veränderung
Die häufigsten Formen der Körpermodifikation sind Tätowierungen. Körper-Modifikation führt zu bleibenden Veränderungen am Körper: sie betreffen die Haut oder die Knochen; Piercings, Transdermals (dabei wird ein Gewinde wird unter der Haut oder an einem Knorpel angebracht und auf eine Schraube können die verschiedensten Schmuckstücke angebracht werden).

Weniger bekannt sind bei uns die Skarifizerungen (d.h. das bewusste Herbeiführen von Narben - sogenannte Ziernarben). In der "Extrem-Modifyer-Szene" sind Zungenspaltungen, operative Eingriffe an den Genitalien (Teilung des Penis bzw. der Harnröhre) auch bewusst herbeigeführte Körper-Veränderungen erklärt Dr. Wölfle.
Vom kleinen Tattoo zum Tattoo Junkie
Menschen, die sich tätowieren lassen, wollen auffallen. Es habe einen kommunikativen, demonstrativen und appellativen
Effekt, erläutert Psychiater Wölfle. Wenn jemand sich vom Durchschnitt abheben will, wird dies ein Herzchen, ein Teufelchen oder ein Delphin sein.

"Bei Tattoo-Trägern kann es das Bedürfnis nach immer stärkeren und extremeren Formen geben, bis es eine Form von Sucht ist", beschreibt Wölfle die Veränderungen bei sogenannten "Tattoo-Junkies".

Es könne aber auch mit sogenannten schönheits-chirurgische Eingriffen beginnen; ein berühmtes Beispiel dafür sei die Pop-Ikone Michael Jackson. Seine Interventionen an seinem Körper reichten vom Bleichen der Haut, über eine Reihe von Nasenkorrekturen, bis hin zu Gesichtsoperationen.

Es heißt, dass er im Aussehen seinem Mutter-Vorbild Diana Ross nacheiferte. Ein anderes tragisches Beispiel sei die als "Sexy Cora" bekannt gewordene deutsche Frau, die nach ihrer sechsten Busenvergrößerung gestorben ist. Sie sei aber auch seit ihrem 15. Lebensjahr eine Extrem-Tätowiererin gewesen.
Tattoos - als Massenphänomen
Die Tätowierungen sind in Mitteleuropa in den 70er und 80er Jahren wieder aktualisiert worden. In den 1940er Jahren gab es eine Tattoo-Homosexuellen-Szene, wie auch eine bekannte Szene für Gefängnisinsassen.

25 Prozent der jungen Erwachsenen tragen heutzutage Tätowierungen, wobei es eine Parität zwischen Männern und Frauen gebe.
Tätowierungen bleiben erhalten, deshalb sei es nichts Ungewöhnliches, dass Menschen später unter ihren Tattoos leiden könnten, weiß Dr. Wölfle aus seiner Praxis.

Es bedarf aufwändiger Verfahren, um diese Tattoos wieder loszuwerden. "Die Krankenkasse bezahlt einen solchen Vorgang nur dann, wenn mit einem Tattoo schwere und belastende Folgen für dessen Träger verbunden sind; wenn jemand dadurch schwerst-depressiv oder suizidal werde", beschreibt Dr. Wölfle ein nicht allzu seltenes Phänomen.
"Schwere Tätowierungen sind nichts für Weich-Eier"
Ein Mensch mit vielen Tätowierungen bringe damit zum Ausdruck, dass er Schmerz aushält, Schmerz faszinierend findet; man dürfe es nicht verallgemeinern, es könne aber auch bedeuten, dass man bei "Schmerzpraktiken" (Sexualpraktiken) zur Verfügung stehe.

Schmerz ist ein wichtiges Signal für jedes fühlende Wesen. Er steht in Verbindung mit Gefahr, Krisen, mit Bedrohung, mit Angst.
Bei Schmerzen, die mit Stress verbunden sind, gibt es im Körper eine hormonelle Antwort.

"Wir schütten Schmerzmittel - in Form der Endorphine -aus. Sie bewirken Entspannung, Rückgang der Erregung und sind mit lustvollen Erfahrungen verknüpft. Weil diese Erfahrung so lustvoll ist, möchten wir das wiederholen. Dinge, die angenehm gewesen sind, wollen wir immer wieder haben. Die Erfahrung des Schmerzes, der zu lustvollen Erfahrungen führt, kennt man aus der Sado-Masochismus-Szene: hier gibt es rituelle Formen des Zufügens und Aushaltens von Schmerzen", umreißt Suchttherapeut Dr. Wölfle den Zusammenhang zwischen Schmerz und Lust.

Schmerz könne für Erwachsene, die man viel bestraft hat, auch eine Erfahrung aus der Kindheit sein. "Schmerzen hängen auch mit Schuldgefühlen zusammen; Schmerzen haben auch etwas mit Sühne zu tun. Wenn ich Schuldgefühle habe und mir Schmerzen zufüge, ist das ein Art Erlösung. Ich werde durch die Schmerzen von Schuld befreit," typisiert Suchttherapeut Wölfle das Schmerzproblem, das "beim Süchtigen mit der Erfahrung von Abhängigkeit korreliert."
Zur Person Roland Wölfle
Dr. Roland Wölfle, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, arbeitet seit 1982 in der Psychiatrie, seit 1990 ist er im Krankenhaus Maria Ebene in der Suchtarbeit tätig. Seit neun Jahren leitet er die Drogentherapiestation Lukasfeld in Meiningen/Vorarlberg.

Musik:
CD Big World
Raining Ballad
Mada Zolik

CD Vienna Scientists
The WAZ Exp.

Focus, 17.9.11